Die schöne Quelle
von Hermann Draab

Das Streben der Menschen nach Bedeutung, Macht und Unsterblichkeit hat uns viele imposante Bauwerke beschert, von den Pyramiden, Schlössern, Dombauten bis hin zu Hochhäusern aus Stahlbeton. Doch oft sind sie nur auf Grund ihrer Größe ein Wahrzeichen für den Ort an dem sie stehen, um die Bedeutung ihrer Erbauer oder besser gesagt ihre Eitelkeit zu dokumentieren. Viele Menschen sind davon so beeindruckt, dass sie diese Orte immer wieder aufsuchen und staunend bewundern.


Allein die Natur bleibt davon unbeeindruckt. Für sie ist der Floh so bedeutend wie der Elefant und sie macht keine Unterschiede, auch nicht zwischen uns Menschen. Die Verehrung der Natur, der Schöpfung und des Universums stand am Anfang der Götter. Unsere Vorfahren verehrten sie an Plätzen, die außergewöhnlich schön und einzig in ihrer Art sind, wie Berge, Seen, Flüsse, Quellen, Bäume, die Sterne und versuchten ihr inneres Wesen zu ergründen. Diese Menschen mag es heute vielleicht auch noch geben, denn sie sind real und ausnahmslos keine Produkte unseres Geistes.

Unser Dorf ist eher klein und für Menschen, die Schürensöhlen nicht kennen und schätzen, wohl vergleichsweise unbedeutend und abgelegen. Nur sehr wenige Menschen so wie ich behaupten, dass es nicht immer so war oder in der Zukunft so sein wird. Vor 800 Jahren sind Menschen zu diesem Ort gepilgert. Damals war hier ein Wallfahrtsort mit einer Kirche. Ein heiliger Platz mitten in der Natur, an dem Menschen Heilung suchten. Die Menschen aus dieser Zeit haben dafür einen gefährlichen und beschwerlichen Weg auf sich genommen und solche Orte gab es in der Vergangenheit nicht viele.


Wie wunderschön der Platz war, lässt sich heute allerdings nur noch erahnen. Viel hat sich verändert. Der nahe gelegene Hasseldiek, zur damaligen Zeit ein See, wurde zur Landgewinnung trockengelegt und nur zwei kleine unspektakuläre von einer Betonmauer aufgestaute kleine Teiche hinter der Quelle sind geblieben. Sconenborne haben sie den Ort genannt, die schöne Quelle. Dem Volksglauben nach waren Orte mit einer Quelle heilig, von Nymphen und Wassergeistern bewohnt, von Sagen umwoben. Zumindest die Alten haben daran geglaubt.

So mag es vielleicht gewesen sein. Eine schöne Nymphe wohnte dereinst an diesem geweihten Ort. Sie war einer Göttin gleich und hieß Hella, die stahlend Leuchtende. An jeden Morgen noch bevor die Sonne ihre Himmelsfahrt begann und rosarote Tinte am Horizont entlang über den Himmel vergoss, suchte sie die Quelle auf und tauchte ihr langes, goldschimmerndes Haar in das schiere, im Sonnenlicht schillernde Wasser. Sie verweilte oft noch ein wenig in dem weichen, feuchten Moos unter einer alten Weide, sang leise eine uralte Weise und ließ ihr Haar vom Wind und der Sonne trocknen. Sie war ein so zauberhaftes Wesen, dass daselbst ihre Umgebung mit ihr im hellen Sonnenaufgang erstrahlte. Allein die Quelle und der Wind trugen ihre Melodie in die Welt, damit sie für immer unvergessen bleiben sollte. Dieser magische Ortes birgt aber noch ein besonderes Geheimnis: Reizende Jungfern, die zum Sonnenaufgang den Born aufsuchen und in das klare Wasser schauen, können darin die schöne Nymphe erblicken.

Das alles mag den Menschen heute alles befremdlich oder sogar unsinnig erscheinen. Aberglaube nennen es viele. Aber ich meine, die Menschen aus jener Zeit waren nicht viel anders wie der moderne Mensch heute. Bildung war ein Privileg zu dem auschliesslich der Klerus, der Adel und einige reiche Kaufleute Zugang hatten. Ihre Untertanen wurden dagegen in Unwissenheit gehalten und man lehrte ihnen weder lesen noch schreiben. Aber wie zu allen Zeiten gab es sowohl dumme wie auch kluge Menschen. Glaube, Ansichten, Erkenntnisse und Einsichten haben sich mit der Zeit verändert. Obgleich auch heute noch das Wissen ungleich verteilt ist und wir Menschen m. E. noch nicht am Ende unserer Erkenntnissfähigkeit angekommen sind, finde ich es immer wieder verwunderlich, dass mir nur selten jemand begegnet, der nicht fest davon überzeugt ist, das seine Meinung, seine Sicht der Welt und seine Religion die endgültig Richtige ist.

Das Göttliche in der Natur zu suchen, wie sie sich mit einer scheinbar unzerstörbaren und beständigen Kraft immer wieder sich selbst erneuert, vermag ich nicht zu kritisieren. Zumindest gebe ich es zu, ich weiß es nicht besser. Sie ist für uns Menschen immer noch unverzichtbar, weil sie uns am Leben erhält. Verstehen können wir die Menschen des Mittelalters, wenn wir uns in sie und in ihre Lebensbedingungen hineinversetzen. Sie hatten ein schweres, karges Leben und ihre Sichtweisen sind uns teilweise über die Volksmärchen, in Sagen und Erzählungen überliefert. Sie waren unfrei, aber ich denke freiwillig haben sie ihren alten Glauben nicht aufgegeben. Dazu wurden sie von Ihren Fürsten gezwungen. Nicht ohne Grund wurde jedwede Zauberei und Ketzerei lange Zeit mit dem Tode bestraft.

Menschen ändern aber nur langsam ihre Gewohnheiten. Die schöne Quelle wurde sicher noch lange Zeit aufgesucht, bis sie ihre Bedeutung immer mehr verlor, weil die Menschen später nicht mehr an ihre Heilkraft glaubten und mit ihr wohl auch die Kirche in Vergessenheit geriet.

Das die Kirche und ihre Quelle wiederentdeckt wurden zeigt mir, dass ihre Geschichte erzählt werden will und sie hat, so meine ich, einen Anspruch auf Wahrheit und Vollkommenheit. Denn alles ist miteinander verbunden, so wie die Taufe mit dem Wasser. Nun mag ich kritisiert werden für so viel Pathos. Doch fragt mich jemand nach dem Wesen der Wahrheit? So kann ich mit Bestimmtheit sagen:

"Die Wahrheit ist wie das klare, belebende Wasser einer Quelle, dass aus dem tiefen Dunkel emporsteigt".