|
Die schöne
Quelle Das Streben der Menschen nach Bedeutung, Macht und Unsterblichkeit hat uns viele imposante Bauwerke beschert, von den Pyramiden, Schlössern, Dombauten bis hin zu Hochhäusern aus Stahlbeton. Doch oft sind sie nur auf Grund ihrer Größe ein Wahrzeichen für den Ort an dem sie stehen, um die Bedeutung ihrer Erbauer oder besser gesagt ihre Eitelkeit zu dokumentieren. Viele Menschen sind davon so beeindruckt, dass sie diese Orte immer wieder aufsuchen und staunend bewundern.
Unser Dorf ist eher klein und für Menschen, die Schürensöhlen nicht kennen und schätzen, wohl vergleichsweise unbedeutend und abgelegen. Nur sehr wenige Menschen so wie ich behaupten, dass es nicht immer so war oder in der Zukunft so sein wird. Vor 800 Jahren sind Menschen zu diesem Ort gepilgert. Damals war hier ein Wallfahrtsort mit einer Kirche. Ein heiliger Platz mitten in der Natur, an dem Menschen Heilung suchten. Die Menschen aus dieser Zeit haben dafür einen gefährlichen und beschwerlichen Weg auf sich genommen und solche Orte gab es in der Vergangenheit nicht viele.
So mag es vielleicht gewesen sein. Eine schöne Nymphe wohnte dereinst an diesem geweihten Ort. Sie war einer Göttin gleich und hieß Hella, die stahlend Leuchtende. An jeden Morgen noch bevor die Sonne ihre Himmelsfahrt begann und rosarote Tinte am Horizont entlang über den Himmel vergoss, suchte sie die Quelle auf und tauchte ihr langes, goldschimmerndes Haar in das schiere, im Sonnenlicht schillernde Wasser. Sie verweilte oft noch ein wenig in dem weichen, feuchten Moos unter einer alten Weide, sang leise eine uralte Weise und ließ ihr Haar vom Wind und der Sonne trocknen. Sie war ein so zauberhaftes Wesen, dass daselbst ihre Umgebung mit ihr im hellen Sonnenaufgang erstrahlte. Allein die Quelle und der Wind trugen ihre Melodie in die Welt, damit sie für immer unvergessen bleiben sollte. Dieser magische Ortes birgt aber noch ein besonderes Geheimnis: Reizende Jungfern, die zum Sonnenaufgang den Born aufsuchen und in das klare Wasser schauen, können darin die schöne Nymphe erblicken.
Menschen ändern aber nur langsam ihre Gewohnheiten. Die schöne Quelle wurde sicher noch lange Zeit aufgesucht, bis sie ihre Bedeutung immer mehr verlor, weil die Menschen später nicht mehr an ihre Heilkraft glaubten und mit ihr wohl auch die Kirche in Vergessenheit geriet. Das die Kirche und ihre Quelle wiederentdeckt wurden zeigt mir, dass ihre Geschichte erzählt werden will und sie hat, so meine ich, einen Anspruch auf Wahrheit und Vollkommenheit. Denn alles ist miteinander verbunden, so wie die Taufe mit dem Wasser. Nun mag ich kritisiert werden für so viel Pathos. Doch fragt mich jemand nach dem Wesen der Wahrheit? So kann ich mit Bestimmtheit sagen: "Die
Wahrheit ist wie das klare, belebende Wasser einer Quelle, dass aus dem
tiefen Dunkel emporsteigt". |